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Leipziger Volkszeitung (LVZ) 05.07.2017

 

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The original interview:

 

Interview Dr. Mirette Bakir, Leipzig, Café Luise, 21.7.2017, 20:15

 

F:   Frau Dr. Bakir, vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, mir/uns dieses Interview zu geben.

 

Bild 1: Ausstellungsplakat

 

Nachdem ich Ihre Gemälde-Ausstellung „Denial“ in der FrauenKultur im Leipziger Stadtteil Connewitz gesehen habe, hatte ich das dringende Bedürfnis, Ihnen ein paar Fragen zu stellen, vielleicht sogar ins Gespräch zu kommen.

Ich möchte hier nicht Ihre Biografie wiedergeben, die kann man auf Ihrer Homepage (mirette-bakir.com) nachlesen. Mich interessiert Ihre persönliche Sicht.

 

MB:  Ich mache das gerne, zumal Sie ja auch in Kairo arbeiten, Sie kennen die Stadt, aus der ich stamme, ja sogar meinen Stadtteil, Mohandessin, da Sie nebenan, in Dokki, wohnen und arbeiten.

Es war im Januar 2011, ich war gerade mitten in meiner Promotion an der Bauhaus-Universität in Weimar, als wir die Nachrichten von der Revolution hörten. Ich hatte die Chance mit dem damals letzten Flug nach Kairo zu gelangen, den die Bundesregierung zum Ausfliegen deutscher Staatbürger aus Kairo organisiert hatte, zusammen mit vielen Landsleuten.

Ein Traum schien sich zu erfüllen, der Traum von einem Ägypten als demokratischer Staat. Doch es kam anders: Ich verlor am 28.1.2011, einem Freitag, meinen Bruder. Er war damals Chef-Designer am Cairo Opera House und politisch nicht aktiv, ging aber, wie Hundertausende andere, zum Tahrirplatz, der ja nicht weit entfernt ist – und kam nie zurück. Wir dachten, hofften sogar, dass er festgenommen worden sei; wir suchten in allen Medien, die wir erreichen konnten, sogar im nationalen Fernsehen und über Facebook, nach ihm, bis uns anonyme Anrufe – wir vermuten: der Geheimdienst – aufforderten, die öffentliche Suche einzustellen: Es gehe ihm gut, er sei im Gefängnis und werde freigelassen, sobald die Demonstrationen zuende seien

Wir hatten furchtbare Angst und suchten weiter, reisten viel, bis wir nach 43 Tagen die Information bekamen, es sei eine unbekannte Leiche gefunden worden. Wir vermuteten bereits, das könnte mein Bruder sein, aber erst ein DNA-Abgleich mit meinen Eltern brachte die Gewissheit: Es war mein Bruder. Ein Freund und Zeuge berichtete, dass er am 28.Januar auf dem Tahrir-Platz gewesen war, er muss vom Dach eines Gebäudes herab von einem Sniper erschossen worden sein: eine Kugel hatte ihn von schräg oben getroffen, etwa gegen 23 Uhr.

Das war auch die Zeit, als versucht wurde, das direkt neben dem Tahrir-Platz liegende Ägyptische Museum zu stürmen und zu plündern -wie wir später erfuhren, durchaus auch durch Angehörige der Polizei. Mein Bruder bildete mit anderen eine Kette, um das Museum zu schützen …

 

F:    Hat das Ägyptische Museum für Sie eine besondere Bedeutung?

 

MB: Mein Vater ist Ägyptologe und wir sind mit der Liebe zur ägyptischen Geschichte und zu den Schätzen dieses Museums aufgewachsen; es war eine Art zweite Heimat für uns. Ich bin sehr stolz auf diese Geschichte, es ist eine Ehre, eine solche Geschichte zu haben.

Und ich muss auch sagen, dass es mich immer sehr traurig macht, wenn ich Teile dieses ägyptisch-pharaonischen Erbes in Museen sehe, in Berlin, in Leipzig, in Paris …

 

F:     Mir geht es genauso, zuletzt in Berlin in der Ausstellung „Wiegen der Menschheit“, nachdem ich in Assuan, Kom Ombo, Edfu und Luxor diese wunderbaren Tempelanlagen real gesehen habe, hindurch gegangen bin.

 

MB: … auch wenn ich in Paris den Obelisken sehe, den Muhammed Ali Frankreich „geschenkt“ hat. Es ist, als ob ein Teil meiner selbst, meiner Persönlichkeit, weggenommen würde, ich fühle das fast physisch als Schmerz, ich weinte, als ich das erste Mal die Büste von Nofrete sah – in Berlin.

 

F:     Warum kamen Sie dann nach Deutschland?

 

MB: Ich besuchte die französische Schule Saint Vincent de Paul in Alt-Kairo, ich bin mit Französisch, Englisch und Arabisch aufgewachsen. An der Helwan-Universität in Kairo studierte ich dann „Applied Arts“ und bekam als Jahrgangsbeste nach dem Examen einen Lehrauftrag an der Fakultät. Dort habe ich 4 Jahre lang angewandte Kunst, Malerei und Zeichnen gelehrt. Aber es war eine komplizierte Zeit, viele Studenten, meist männliche, gingen während der Seminare zum Gebet und kehrten nicht zurück, weigerten sich, Körper zu zeichnen, schon gar nicht einen Akt, verwiesen auf das, was im Koran stehe, ein Akt sei „haram“. Es gelang mir auch nicht, sie damit zu überzeugen, indem ich sagte, das sei doch „Kunst“ und nicht Religion; auch nicht mit religiösen Argumenten, Allah habe doch diese menschlichen Körper geschaffen. Es war eine repressive Atmosphäre, in der figuratives Zeichnen oder Malen von den oft sehr konservativen Studenten verweigert wurde.

 

F:     Wie gingen Sie damit um?

 

MB: Nun, ich suchte nach einem Auslandsstipendium und bewarb mich ab 2007 überall in Europa, in Frankreich, Belgien, Luxemburg, der Sprache wegen, aber nicht in Deutschland, ich konnte kein Wort Deutsch. Schließlich fand ein Professor ein 5-monatiges DAAD-Stipendium.

„Mirette, willst du mit einem DAAD-Stipendium für Kunst nach Deutschland gehen?“ – „Ja, mache ich!“  So einfach war das, völlig ungeplant. Ich fand mich dann in Leipzig an der HGB wieder, wo ich 1 Jahr studierte. Danach begann ich mein Master-Studium an der Universität Leipzig; in meiner Malerei konzentrierte ich mich auf Akte …

 

F:     Ihre Ausstellung „Denial“ erinnert daran …

 

MB: Ja, das war in Ägypten im Studium ja nicht möglich. Ich besuchte auch sofort Klassen in Video-Art, wofür die HGB einen sehr guten Ruf hat. Ich machte schließlich meinen  Master an der Universität und begann meine Promotion an der Bauhaus-Universität in Weimar. Mein Vater unterstützte mich da sehr.

Meine ersten Gemälde und Zeichnungen entstanden zu dieser Zeit, aber, wie Sie aus der Übersicht auf meiner Homepage sehen können, waren sie nur in Gruppenausstellungen zu sehen. Meine erste Einzelausstellung hatte ich dann 2014.

 

F:    Haben sich – rückblickend – Ihr Stil, Ihre Sujets verändert?

 

MB: Ja, aber ich male immer noch figurativ: Akte, Porträts.

 

F:     Dieses Bild hier aus der Ausstellung – meine Enkelin hat mich drauf aufmerksam gemacht: „Die Frau hat ja keinen Kopf!“

 

Bild 2

MB: Ja, man sieht ihn nicht, sie beugt ihn ganz nach vorne, der Text neben dem Körper lautet „  Auf die Aufenthaltszeit nach Absatz 1 Nummer 2 werden Zeiten eines Aufenthaltes nach § 16 des Aufenthaltsgesetzes nur zur Hälfte und nur bis zu zwei Jahren angerechnet.“ Es ist ein Zitat aus der Verordnung über die Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern (Beschäftigungsverordnung – BeschV)

F:    Also ein Rückenakt mit quasi doppeltem rechten Arm, in der Bewegung eingefangen, mit einer eindeutig politischen Aussage! Ich werde mir das Bild in der Ausstellung nochmals ansehen, da ist doch viel mehr dahinter, wie ich jetzt sehe.

 

MB: Ich bin der FrauenKultur sehr dankbar. Es finden dort viele andere Veranstaltungen statt, so dass meine Bilder wahrgenommen werden. Meine nächste Ausstellung wird ab dem 7.8.2014 im GRÜNEN Raum am Kanal gezeigt.

 

Bild 3 Ankündigung Flyer

 

F:    Abgesehen mal vom Wetter – wo sehen Sie die Hauptunterschiede zwischen Deutschland und Ägypten? Sicher ist Ägypten viel mehr als Deutschland die „Wiege der Menschheit“. … Also, ich kehre Ende August nach Kairo zurück; es ist wie ein „coming home“. Sehen Sie eine  „culture gap“?

 

MB: Nein, ich bin in einem sehr europäisch orientieren Umfeld aufgewachsen, alle meine Lehrer waren Franzosen. Mein eigentlicher „Kultur-Schock“ war in Ägypten, als ich meine Ideale, die ja dann später auch ihren Ausdruck in der Revolution von 2011 fanden, mit der repressiven Realität konfrontiert sah, vor allem, als ich anfing, selbst zu unterrichten, also nach dem Abschluss meines Studiums.

Ich hatte vorhin schon geschildert, wie sehr es mich deprimierte, dass Kunst sehr oft als „haram“ gewertet wurde, ein Problem vieler Religionen übrigens. Ich wollte mich in der Kunst frei ausdrücken können, auch als Frau, obwohl ich denke, dass damals mein Frau-Sein dabei weniger eine Rolle spielte.

Als ich Jahre später wieder in Ägypten war, fiel mir aber auf, dass sich manches verschärft hatte, dass Männer – entgegen unseren Idealen – Frauen wie mich, ohne Hijab, anders, abschätzig, ansehen. Viele suchen sich als Rechtfertigung für diese Haltung die Stellen des Koran, die ihre rückständigen Positionen unterstützen, die leider auch offiziell gelehrt werden.

 

F:   Kommen wir zu Ihrer Kunst zurück: Wollen Sie mit Ihrer Kunst etwas verändern?

 

MB: Das war und ist nicht meine Absicht, auch wenn Sie mich korrekt als „political artist and woman“ sehen. Es ist nicht so, dass ich etwas aufzeigen will; es ist eher so, dass ich offen bin. Das Thema kommt auf mich zu, die Idee, ein Gefühl, es packt mich und ich muss ihm Ausdruck geben.

 

F:     Ist das auch im Titel Ihrer Ausstellung enthalten, „Denial“? Was verneinen Sie?

 

MB: Die Realität, ja, die Realität! Ich selbst muss die Realität verleugnen, um zu überleben. Das Leben ist so hart, nicht für mich, ganz allgemein, und ich will und kann das nicht als dominierendes Element an mich heran lassen. Ich muss mich dagegen wenden.

Sie haben sicher bemerkt, dass die meisten Frauenakte der Ausstellung dem Betrachter den Rücken zuwenden, auch wenn  ich sie figurativ male; sie schauen den Betrachter nicht an, sicher haben sie Augen, aber sie wenden sich ab, man kann nicht in ihre Augen blicken, man sieht ihre „Seele“ nicht, wenn Sie so wollen. Augen sind übrigens ein wichtiger Aspekt der pharaonischen Darstellungen und auch der Sprache dieser Zeit.

Sogar das etwas ältere Bild der schwebenden oder treibenden Frau, die auf dem Rücken liegt, zeigt dieses Fehlen der Stabilität, sie hat keinen Boden unter den Füßen, keinen festen Grund. Es kommt dem, was ich fühle, sehr nahe.

 

Bild 4

 

F:    Ich habe von Ihnen einen ganz anderen Eindruck, zumindest heute, an diesem Abend, in diesem Café! Sie erscheinen mir entspannt, sie lachen …

 

MB: Ja, ich lache viel, ich lache mehr als früher, aber dahinter bin ich, ich nenne das jetzt mal so, viel trauriger, also nicht unbedingt das, was man meist unter „glücklich“ versteht. Ich möchte sagen, dass „Denial“ nicht nur politisch oder persönlich ist, sondern alle Bereiche und Ebenen des Lebens umfasst.

Vor allem die aktuelle Lage in Ägypten macht mich traurig, die alte „Mittelklasse“ ist verschwunden, es wird viel getan, um Devisen zu bekommen, … ich will das nicht weiter ausführen, aber wenn ich diese Realität akzeptiere…- deshalb „Denial“!

Was ist mit unseren Idealen von 2011 passiert? Mit dem Streben nach Menschlichkeit, nach Freiheit, Demokratie, mit den Liedern, die wir damals sangen, den Graffiti nicht nur am Tahrir-Platz? Es ist ein Gefühl, dass diese ganze Generation und die Ziele der Revolution betrifft, deren einer Teil ausgewandert ist, der zweite Teil ist inhaftiert, der dritte tot. Das war die Jugend, die Hoffnung von 2011.

Ich bin stolz auf Ägypten, auf unsere uralte Kultur, aber ich will auch wieder stolz auf anderes sein, und ich will es noch selbst erleben.

 

F:     Sie sind jung! Sie sind Jahrgang 1980!

 

MB: Sicher, vieles wird sich verändern, muss sich verändern.

Im Moment fühle ich mich hier zuhause, ich habe meine Freunde hier; ich hatte nie das Gefühl, eine Fremde zu sein, obwohl  ich ohne Deutschkenntnisse hierher kam. In Ägypten fühle ich eine Beklemmung, die ich hier nicht fühle; ich habe keine Geduld, ich spüre, dass ich zornig werde. Ich bin so froh, dass ich hier arbeiten kann, dass ich als normales menschliches Wesen respektiert werde.

 

F:     Verraten Sie mir noch etwas über Ihre Pläne?

 

MB: Nun, mit meiner Ausbildung, Erfahrung und der Promotion suche ich eine Stelle an einer Universität, aber die Stellen im Bereich Kunst sind rar und es gibt, gerade in Leipzig, viele Künstler. Ich verkaufe meine Bilder, nicht alle, manche sind zu sehr ein Teil von mir. Viele meiner frühen Bilder sind Porträts, man kann das alles auf meiner neuen Homepage sehen.

 

F:    Frau Bakir, ich danke Ihnen für dieses sehr offene Gespräch!

 

 

 

 

 

 

 

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